Erinnerungen von Peter Hillebrand

Aus Familienalbum
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Peter Hillebrand
Erinnerungen an Eberhard Hagemann


Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges entdeckte mein Schwiegervater sein vaterländisches Herz trotz allen Abscheus gegen Hitler. Er meldete sich freiwillig und wurde Kommandant in Toulouse. Er sah aber bald, daß er mit dieser Aufgabe überfordert war und nahm seinen Abschied.
Ich hatte mich mit ihm in seinem Hotel in Paris verabredet, traf ihn aber dort zunächst nicht an. Die Offiziere wurden in der Hotelliste nur unter Nummern geführt, nicht mit ihrem Namen. Ich bat den Geschäftsführer, er möchte mich durch die Hotelzimmer führen, ich kennte sein Gepäck. Wir kamen in ein Zimmer. Da blähte sich am offenen Fenster ein großes weißes Nachthemd im Winde: "C'est mon beau pere!"
Was der Geschäftsführer gedacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht auf französisch: "Il Colosso". Unter dem Namen ging mein Schwiegervater auf eine Reise in Italien, wo man seinen Namen nicht kannte, wie er mir selbst erzählt hat.
Ich habe Schwiegervater dann ins Fouquet eingeladen. Als ich bestellen wollte, sagte der Geschäftsführer, ich solle ihm das überlassen, er hätte etwas ganz Besonderes für uns. Wir haben exquisit gegessen. Als ich bezahlt hatte, sagte Schwiegervater mit einem Unterton von Anerkennung: "Du scheinst hier ja gut bekannt zu sein". Den Feinschmecker hatte er bisher nicht hinter mir vermutet.
Es wird viel über unsere Generation gescholten, daß wir auf Hitler reingefallen sind. Nach dem siegreichen Frankreichfeldzug telephonierte Schwiegervater mit Bertchen und sagte nur: "Merveilleux". Wenn ein eindeutiger Antifaschist wie er sich von den militärischen Erfolgen überwältigen ließ, ist mir jüngerem nicht zu verargen, daß ich mit einem Hitlerbild in den Urlaub heimkam.
Wir haben beide nicht überschaut, daß der fehlende Mut und Kampfeswillen der Franzosen, die ihre Gewehre wegwarfen, Hitlers großräumiger Einkesselungsstrategie zu diesen grandiosen Erfolgen verhalf. Während der Schlacht von Stalingrad hat Bertchen das Hitlerbild vernichtet, das sie nie aufgehängt hatte.
Peter

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