Abitur und Studium

Aus Familienalbum
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Voriges Kapitel: Aus Peters Jugend


[Kapitel 3 - Abitur und Studium]


Nach der Schule ging er als Modelltischler in die Lehre. Da wurden die Formen erstellt, in die Gußeisen gegossen wurde. Es kam auf Millimeterarbeit an, genau das Richtige für seine geschickten Hände. Seine Arbeitskameraden hatten nur auszusetzen, daß er zu schnell arbeitete und den Akkord verdürbe. Während dieser Zeit besuchte er die Gesolei - die erste medizinische Ausstellung zusammen mit Tini, die Medizin studierte. Allmählich reifte in ihm der Entschluß, das Abitur doch noch zu machen und Medizin zu studieren. Diesmal ging er freiwillig zur Schule, und sein Vater wunderte sich, daß er nie mehr von seinen Lehrern zitiert wurde, um die Klagen über seinen Sohn entgegen zu nehmen. Die Oberstufe war eine sehr zufriedene Zeit. Seinen Deutschlehrer Juppes Schäfer hat Opa noch als fertiger Arzt besucht. Sein Bild hing unter vielen Familienbildern in seinem hiesigen Sprechzimmer.
Konrad Hillebrand wollte gern ein eigenes Häuschen haben und hat dafür jahrelang gespart. Hätte er doch rechtzeitig einen Kredit aufgenommen! Dann hätte er 1923 ein wertbeständiges Haus gehabt. Schulden machen? Das war völlig undenkbar. Man bezahlte bar. Kreditaufnahme war Schuldenmachen. Genauso absurd war, in einer Krankenkasse zu sein: "Ich werde doch meinen Doktor allein bezahlen können!" Das galt auch für uns bis zu meiner lebensbedrohenden Erkrankung 1971/72, die uns 10.000 DM gekostet hat. Danach erst entschloß sich Opa mich - seine langjährige Arzthelferin - in der Barmer Ersatzkasse zu versichern. 1923 brachte es die Geldentwertung (Inflation) fertig, daß Eures Urgroßvaters Vermögen schrumpfte, so daß er sich gerade noch einen Herd davon kaufen konnte. Der Traum vom eigenen Haus war aus. Als Opa 1929 mit dem Studium anfing, konnte ihm sein Vater nur eine bescheidene Summe abzweigen. Es gab den Vorläufer des heutigen Bafög. Der erließ dem Studenten, der nach jedem Semester durch eine Prüfung den Stand seines Wissens erweisen mußte, lediglich die Gebühren für die Kollegs. Für den Lebensunterhalt gab es keinen Pfennig. Den mußten sich die Studenten selbst verdienen.
Opa arbeitete weiterhin im Bergwerk, jetzt aber nicht mehr in den niedrigen Stollen vor der Kohle, sondern als Elektriker, was noch wesentlich besser bezahlt wurde. Die Förderkörbe für Arbeiter und Kohle wurden auf elektrischen Antrieb umgestellt und die Kohlekarren motorisiert. Bis dahin wurden sie von Pferden gezogen, die nie das Tageslicht sahen, von den Bergleuten aber mit großer Liebe gepflegt wurden. Opa legte elektrische Kabel. Wenn die Förderkörbe niedersausten, ertönte ein Glockenzeichen. Dann mußte Opa sich schnell in eine der Nischen verdrücken. Das hat ihn lange Zeit mit Entsetzen und Angst erfüllt, bis er sich daran gewöhnte. Ebenso unheimlich war es ihm, wenn er zu den Pumpen auf steilen Leitern klettern mußte, die er zu kontrollieren hatte. Unter Tage ist es stickig heiß und schwül. Das Geräusch des ständig tropfenden Wassers gehört zu der Stimmung unter Tage. Dieses Wasser mußte ständig abgepumpt werden. Opas Grubenlampe kennt Ihr wohl alle. Der Bergmann nahm sie bei der Einfahrt in die Hand. Es wurde registriert und nach der Schicht die Rückgabe kontrolliert. So wurde sofort bemerkt, wenn ein Bergmann unter Tage verunglückt war.
... Und er hat sein helles Licht bei der Nacht - bei der Nacht wohl angezündet ...
Das war das vertraute Lied und Glückauf der Gruß auch im Alltag über der Erde.
Alles, was mit dem Bergwerk zu tun hatte, übte auf Opa eine fast romantische Anziehungskraft aus bis hin zu den Siedlungen der Bergleute, ihren kleinen Gärten mit den Kaninchenställen und den Nestern der Brieftauben unter dem Dach, deren Zucht eine allgemeine Liebhaberei war, und das alles unter dem verhangenen Himmel des Ruhrpottes mit den grell aufschießenden Feuerlohen.
In den letzten Semesterferien mußte auch der Werkstudent fürs Examen arbeiten. Die Banken der Stadt Kiel gaben dann den Studenten zinsgünstige Kredite für ihren Lebensunterhalt. Es gab keine zuverlässigeren Schuldner. Sofort nach der Approbation fingen die frischgebackenen Ärzte an, die Darlehen zurückzuzahlen - so schnell wie möglich.
Ich möchte auch heute nach fünfzig Jahren sagen: Die damalige Belastung erzog lebenstüchtige, einsatzbereite zufriedene Männer, bescheiden in ihren persönlichen Ansprüchen. Heute halten die Minderbemittelten die Hand auf, damit der Staat hineinlegt, was ihnen zum Leben notwendig ist. Dafür haben sie durch den Massenandrang zum Studium andere belastende Probleme.
Opa hat in den ersten Semestern mit den theoretischen Fächern manche Schwierigkeiten gehabt, besonders mit Chemie und Physiologie. Erst nach dem ersten Examen - dem Physikum - kamen die klinischen Fächer dazu. Da lebte er auf, und es erwies sich, daß er mit der Medizin den richtigen Beruf gefunden hatte. Er war glücklich. Ich habe zwar die besseren Examina gemacht. Ums Haar hätte ich nicht nur das Physikum, sondern auch das Staatsexamen mit sehr gut gemacht. Er aber war begabt, der bessere Doktor zu werden: Manuelle Geschicklichkeit, sicherer diagnostischer Blick, Beobachtungsgabe macht den guten Arzt neben dem fundierten theoretischen Wissen. Er benutzte seine fünf Sinne. Die Technik sollte nur helfen, seine Diagnose zu bestätigen.
Opa hat in Freiburg und vor allem in Kiel studiert, immer zusammen mit Karl Wienert. Ein Semester Innsbruck mit Kletterwanderungen und Skilaufen. Gegen Ende wurde er in einer Hütte von einer Lawine verschüttet. Sie mußten sich mühsam aus der Tür heraus einen Weg durch die Schneemassen nach oben ins Freie schaufeln. Das hat ihn so fertig gemacht, daß er das Semester abgebrochen hat und in das flache Norddeutschland geflüchtet ist. Die Professoren, bei denen er sich abmeldete und trotzdem ein Testat[1] erbat, hatten Verständnis dafür, daß er sich von den Bergen ringsum Innsbruck erdrückt fühlte und mit dem Schock des Verschüttetseins nicht fertig wurde.
[1] Testat ist die schriftliche Bestätigung über regelmäßige Teilnahme an einer Vorlesung.
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